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Sonett 62

In sünd'ger Eigenliebe ist entbrannt
Mein Herz und Auge, ja mein ganzes Sein;
Kein Mittel gibt's, das diese Krankheit bannt,
Zu tief schon drang sie in das Herz hinein.

Vor andern schön dünkt mich mein Angesicht,
Mein Wuchs und meine Treue unvergleichbar,
Und prüf' ich meinen Wert, so glaub' ich nicht,
Dass soviel Tugend anderen erreichbar.

Doch wenn mein Spiegel mir die Wahrheit zeigt,
Wo ich mich welk und gelb vor Alter finde,
Dann ist mein Herz zum Gegenteil geneigt,
Denn so mich selbst zu lieben, wäre Sünde.

Du bist's, mein andres Selbst, das ich geliebt,
Der meinem Alter Jugendschönheit gibt.

 

 

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/shakespr/sonett/0sonette.htm

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