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Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Text: © 2004 by Dr. Bernhard Lauer

Abb „Es war vielleicht gerade Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer seltner werden ...", - heißt es 1812 in der Vorrede zu den Märchen der Brüder Grimm.

 

Über zweihundert Texte haben Jacob und Wilhelm Grimm schließlich zusammengetragen, wobei sie - vornehmlich in und von Kassel aus - sowohl aus mündlicher Überlieferung als aus schriftlichen Quellen geschöpft haben.

 

Während Erinnerungen und Erlebnisse aus der eigenen Kindheit für die Grimmschen Märchen- und Sagensammlungen überlieferungsgeschichtlich kaum eine Rolle spielten, kam der entscheidende Anstoß zur Beschäftigung mit der „Volkspoesie" in ihrer Marburger Studienzeit.

 

Hier lernten Jacob und Wilhelm Grimm bei ihrem Lehrer, dem Rechtshistoriker Carl Friedrich von Savigny, dessen Schwager Clemens Brentano kennen, der sie mit den Bestrebungen der Heidelberger Romantik vertraut machte.

 

Durch Savigny in historisch-kritischem Denken methodisch angeleitet und durch die Mitarbeit an der romantischen Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ (1805-1808) von Achim von Arnim und Clemens Brentano in die Praxis des Sammelns, Bearbeitens und Edierens historischer und volkstümlicher Texte eingeführt, begannen die Brüder Grimm bald selbst damit, die überlieferten Texte der "Dichtung des Volkes" zusammenzutragen.

 

Gleichzeitig versuchten sie - angeregt durch Ludwig Tiecks dichterische Bearbeitung der „Minnelieder" - die Literatur des Mittelalters neu auszunehmen.

 

Ihre Art der Zusammenstellung, Bearbeitung und Herausgabe der Märchen-, Sagen- und Liedtexte ist dabei teilweise romantischen Vorbildern verpflichtet.

 

Wie beim „Wunderhorn" bestehen auch die Kinder- und Hausmärchen aus einer Mischung älterer literarischer Quellen mit zeitgenössischen mündlichen Überlieferungen.

 

Während die überlieferten Texte für die romantischen Dichter jedoch lediglich eine Quelle für schöpferische Ideen für die eigene Dichtung darstellten und sie damit daher sehr frei umgingen, waren für die Brüder Grimm die genaue quellenkritische Erforschung und der historisch gegründete wissenschaftliche Nachweis entscheidend.

 

Abb „Was die Weise betrifft", - heißt es weiter in der Grimmschen Vorrede zu den Märchen – „in der wir hier gesammelt haben, so ist es uns zuerst auf Treue und Wahrheit angekommen.

 

Wir haben nämlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, keinen Umstand und Zug der Sage selbst verschönert, sondern ihren Inhalt so wiedergegeben, wie wir ihn empfangen haben ..."

 

Die Brüder Grimm sind weder sagen- und märchensammelnd über Land gezogen. Auch ist der Anteil der „einfachen Leute" an ihren Märchen und Sagen eher gering.

 

Vielmehr wurden sie von über fünfzig Märchenbeiträgerinnen und Märchenbeiträgern vor allem aus Hessen und Westfalen unterstützt, die - wie sie selbst - vornehmlich aus den gebildeten Schichten der Gesellschaft stammten und zumeist auch jüngeren Alters waren.

 

So erfuhren die Brüder Grimm zahlreiche Märchen aus den Kasseler Bürgerfamilien Wild und Hassenpflug oder von der Niederzwehrener Gastwirtstochter und Schneidersfrau Dorothea Viehmann (geboren 1755 auf der "Knallhütte").

 

Aus der Schwalm kamen ihnen wichtige Texte durch die Pfarrerstochter Friederike Mannel und den Pfarrkandidaten Ferdinand Siebert zu.

 

Aus Westfalen erhielten sie bedeutende Beiträge durch die Familie der Freiherrn von Haxthausen und durch die Schwestern Annette und Jenny von Droste-Hülshoff.

 

Überdies haben sie (und teilweise auch wohl ihre Informanten) aus schriftlichen Quellen geschöpft, aus mittelalterlichen Versnovellen und Legenden, aus Schwank- und Anekdotenbüchern, aus Tierfabelsammlungen und Wunderzeichenbüchern und auch aus literarischen Werken des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

Betrachtet man die textliche Gestalt der Grimmschen Märchen näher, so kann von einer wörtlichen Aufzeichnung mündlicher Überlieferungen im modernen Sinne keine Rede sein.

 

Vielmehr haben Jacob und Wilhelm Grimm ihre Texte stilistisch bearbeitet und ihrer Idealvorstellung von „Volkspoesie" gemäß umgeformt.

 

Gefragt werden muss auch nach der kulturellen Zuordnung der Grimmschen Märchen in Hessen und Deutschland.

 

„In diesen Volks-Märchen liegt lauter urdeutscher Mythus, den man für verloren gehalten", - heißt es 1815 in der Vorrede zum zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen.

 

An gleicher Stelle ist von den "ächt hessischen" Märchen der Dorothea Viehmann oder von dem "rein deutschen" Ursprung der Märchen die Rede.

 

Aber auch den Brüdern Grimm war die enge Verwandtschaft einiger ihrer Märchen mit der romanischen Überlieferung in Italien und Frankreich bewusst. Im Gegensatz zu anderen Werken haben sie ihre Kinder- und Hausmärchen nicht mit dem Attribut "deutsch" betitelt.

 

Zwei in der Erstausgabe enthaltene Märchen, nämlich „Ritter Blaubart“ und „Der gestiefelte Kater“, haben sie später gar wieder aus der Sammlung herausgenommen, weil ihnen die Nähe zu Charles Perraults 'La Barbe Bleue' und 'Le Maître Chat, ou le Chat Botté' selbst zu offensichtlich erschien.

 

Dies erklärt sich aus der Tatsache der hugenottischen Abstammung der bedeutendsten Kasseler Märchenbeiträger: Marie Hassenpflug und Dorothea Viehmann. Jedoch bei weitem nicht alle Texte der Sammlung sind italienischen oder französischen Vorbildern verpflichtet; dazu ist sie mit ihren zahlreichen Texten zu reichhaltig und vielschichtig.

 

Die Märchen sind vielmehr, wie die Brüder Grimm später formulierten, „überall zu Hause", bei allen Völkern und in allen Ländern.

 

Über ihren Ursprung und das Verhältnis zwischen „Natur- und Kunstpoesie" in ihrer Überlieferung diskutiert die Märchenforschung bis heute, ohne dass eine befriedigende Lösung dieser Frage gefunden wäre.

 

 

Quelle:
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