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Lesetext zu einem Markttag im Mittelalter

Markttreiben im Mittelalter

Es riecht nach flüssigem Wachs, Schafwolle und feuchtem Leder. Fliegende Händler preisen lautstark ihre Waren an; wieder andere hocken auf einem Holzschemel und gehen still ihrer Arbeit nach.

Ein Scribent zeichnet mit höchster Konzentration ein goldfarbenes Initial auf ein Blatt handgeschöpften Papiers. Vor ihm stehen mehrere Fläschchen verschiedenfarbiger Tinte. Für sein kalligrafisches Meisterwerk braucht er Geduld und eine ebenso ruhige Hand wie der Barbier nebenan, der an einem Ritter mit widerspenstigem Bartwuchs herumschabt. Die Bademagd läuft herum und schrubbt Gästen die Füße.

Ein paar Schritte weiter wird Seegras gebündelt und versponnen, in der Bäckerei geht eine Ladung Brotlaibe in den Ofen. Aus einer anderen Richtung duftet es nach Gebratenem, Gesottenem, Geröstetem.
Wenn reisemüde Fremde auf Besuch bei einem Bürger nicht hungrig warten wollen, bis Essen gekauft und gekocht ist, so erzählt ein Londoner Kaplan um 1180, dann läuft man eben schnell zum Markt am Themseufer und hat alles Begehrenswerte zur Hand. Keiner brauche nach afrikanischem Geflügel oder ionischen Schnepfen zu suchen, wenn ihm solche Leckerbissen vorgesetzt würden...

Betriebe, die Artikel rund ums Pferd herstellten, hatten immer gut gefüllte Auftragsbücher. Für den Hausrat, der kaputt ging, sorgten Drechsler, Töpfer, Holzschindelmacher. Und auch die Bekleidung kaufte man direkt auf dem Markt. Dafür gab es die Spinnerin und Filzerin, den Gerber und den Färber. Vieles, was man fürs tägliche Leben brauchte, stellten die Menschen bis zum 12. Jahrhundert aber auch zu Hause her. Flachs spinnen, Bier brauen, Wachs ziehen.

Ein Markttag im Mittelalter war ein aufregendes, aber kein chaotisches Spektakel. So wie heute, war fast jede Kleinigkeit gesetzlich geregelt. Nur zu bestimmten Tagen und an festgesetzten Orten kamen die Kaufleute, Handwerker und Käufer zusammen, um zu handeln. Ein Gesetz bestimmte, dass an Markttagen Frieden in der Stadt zu herrschen habe. Sicherlich keine überflüssige Vorschrift, denn in jenen Zeiten gab es viele Überfälle, wurden private Streitigkeiten gewaltsam ausgetragen.

Für den Frieden garantierte der König. Nun ja, nicht immer nahm er diese Aufgabe selbst wahr. Seit der Mitte des 10. Jahrhunderts hatten manchmal auch hochgestellte geistliche und weltliche Persönlichkeiten wie Grafen und Herzöge das Privileg, Märkte abhalten zu dürfen. Dafür mussten sie für den ordnungsgemäßen und sicheren Ablauf der Veranstaltung gerade stehen.

Der Marktherr verdiente natürlich auch an der Veranstaltung: Er durfte von jedem Besucher, der durchs Stadttor ritt, Marktzölle kassieren, er konnte das Stapeln bestimmter Waren vorschreiben oder auch verbieten, er konnte die Händler zwingen, bestimmte Straßen und Wege zu benutzen oder zu meiden, und vieles mehr. Praktischerweise beinhaltete das Marktrecht auch gleich das Münzrecht. Bis zum 10. Jahrhundert hatte Geld allerdings keine große Bedeutung. Man handelte lieber mit Naturalien.

Seit dem 11. Jahhrundert gibt es Wochenmärkte. Auf diesen Umschlagplätzen wurden Waren des täglichen Lebens gehandelt. Bei wohlhabenden Äbten oder Fürsten, auf der Burg eines angesehenen Ritters, waren aber nicht nur Filzdecken und neue Regenrinnen, sondern auch Luxusgüter gefragt. Die wurden auf Jahrmärkten verkauft, die - wie der Name schon sagt - nur einmal im Jahr stattfanden. Dort war die Auswahl groß an feinen Stoffen, Schmuck, Gewürzen aus dem Orient, edlen Metallen, seltenen Handarbeiten. Übrigens waren nicht alle Gewerbetreibende gleich gut angesehen. Hirten, Schäfer und Müller galten als unehrlich, Leineweber, Barbiere und Ärzte wurden verachtet.

Wie heute, wurden auch überregionale Messen abgehalten, wo Großhändler - nach dem Besuch der heiligen Messe - ihre Waren an kleinere Kaufleute weitergaben. Zum Beispiel fanden unter dem Patronat der Grafen von Champagne und Blois vom 12. bis zum 14. Jahrhundert alle sechs Monate in Troyes und einigen anderen Städten die Champagne-Messen statt. Dort floss jedoch nicht der Schaumwein in Mengen. Vielmehr setzten Großhändler Produkte der Mittelmeerländer und des Orients (indischer Pfeffer, Goldstaub aus Senegal) gegen Waren West- und Nordeuropas (Tuche aus Flandern und Brabant, Wolle aus England, Silber aus dem Schwarzwald) um.

Dem Bericht des sienesischen Händlers Andrea de Tolomei aus dem Jahr 1265 ist zu entnehmen, wie die Geschäfte der toskanischen Gewürzhändler in der Champagne liefen: Den wenigsten Umsatz habe man mit Pfeffer gemacht, klagte er. Beim Ingwer waren die Käufer sehr auf Qualität bedacht, nur Safran habe sich erstaunlich gut verkauft. Die Pleite mit dem Pfeffer war ziemlich schlimm, denn Pfeffer wurde damals überall in großem Stil umgesetzt. Fast alle Speisen wurden gepfeffert, sogar die Lebkuchen, die daher auch heute noch in einigen Landstrichen Pfefferkuchen heißen. Das Schimpfwort von den reichen Pfeffersäcken hat ebenfalls da seinen Ursprung, denn mit den beißenden Körnern konnte man ein Vermögen machen.

Das größte Problem eines Händlers wie Tolomei waren aber die vielen, verschiedenen Währungen, zwischen denen hin- und hergerechnet werden musste: Silbermünzen, Gulden, Sterling, Goldmünzen. Die Wechselkurse änderten sich dauernd. Tolomei und die von ihm gegründete Handelsgesellschaft war dennoch auf lange Sicht erfolgreich: Im 14. Jahrhundert sind die Tolomei eine der führenden Familien Sienas. Ihr Palazzo steht heute noch. Aber schließlich waren es die italienischen Kaufleute, die Buchführung, Bankwesen und den Wechselverkehr erfunden haben. Und das alles hatte seinen Ursprung in den Märkten des Mittelalters.

Quelle: Text mit freundlicher Genehmigung der Kaltenberger Ritterspiele

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