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Sonett 95

Wie machst du selbst die Schande liebenswert,
Die, gleich dem Wurm an duft'ger Rose Blatt,
An deiner Schönheit Blütenrufe zehrt!
Welch herrlich Kleid in dir die Sünde hat!

Die Zunge, die von deiner Tage Lauf,
Von deiner losen Neigung lüstern tönt,
Sie hebt im Lobspruch ihren Tadel auf,
Da schlechten Ruf dein Name selbst verschönt.

Oh, welche Stätte gibst den Sünden du,
Für die zur Wohnung du geworden bist;
Der Schönheit Schleier deckt die Flecken zu,
Daß reizvoll alles, was wir sehen, ist.

Doch teures Herz, dies Vorrecht nimm in acht,
Da Mißbrauch stumpf die schärfste Klinge macht.

 

 

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/shakespr/sonett/0sonette.htm

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